Oliv Architekten

Best Workspaces Callwey 03 | 2022 Räume für Makerspaces M8

Best Workspaces 2022

Schon der Titel weist darauf hin: Statt mit places, den Plätzen, befasst sich dieser Architektur-Award mit den spaces, den Räumen also. Wenn man die historische Entwicklung von Arbeit schlechthin genauer betrachtet, dann stellt man schnell fest, dass sich der Mensch im Laufe der letzten Jahrhunderte immer mehr fixieren ließ: Angestellte und Beamte verbrachten ihre Wochentage am Tresen oder am festen Arbeitstisch – damals vor Schriftstücken und hinter der Schreibmaschine, heute am Computer. So entwickelte sich eine regelrechte Kultur des eigenen Ortes im Einzel- oder auch Großraumbüro. Sie bestand aus eingesessenem Drehstuhl, persönlichen Schreibtischdekors, bequemen Bürosandalen, einer Grünpflanze sowie dem heiligen Kaffeebecher mit Aufschrift. Die Innenarchitektur jedoch spielte dabei kaum eine Rolle, Kollegen- oder Kundenkontakte erfolgten quer über den in Amtsgrau laminierten Schreibtisch, via Telefon und Fax oder auf dem PVC-belegten Flur – Ordnerregale und Neonlicht allerorten. Nun aber sind wir im 21. Jahrhundert angekommen und können erfreut feststellen, dass sich mittlerweile Arbeitspsychologen und -mediziner, Ergonomen und Organisationswissenschaftler, vor allem aber Architekten und Designer sowie Büroausstatter jenes Phänomens Arbeitsplatz intensiv angenommen haben und es kontinuierlich in eine vollkommen neue Qualität transformieren. Dies wird augenfällig deutlich, wenn man sich die für diesen Wettbewerb eingereichten Projekte vornimmt.

Abgesehen von den Aspekten des externen Working Place, den die zunehmend eingesetzte Digitalisierung umfassend oder in kombinierter Form ermöglicht und voraussichtlich immer weiter perfektionieren wird, sind Beschäftigte und Unternehmen oder Institutionen natürlich immer noch auf das territoriale Büro angewiesen. Der Umgang allerdings hat sich gewandelt. Vor allem entstehen neue Hybridformen, in denen sich das Produzieren mit einer locker entspannten Position verbindet oder die sachlich-funktionale Raumausstattung mit Elementen eines wohnlichen Ambientes. Informieren, Nachdenken, Schreiben und Gestalten sowie Kommunizieren erhalten neue, flexible „Orte“ – Spaces, die gestaffelt zu denken sind: ausgehend vom unmittelbaren Wirkungsplatz am Einzeltisch oder Laptop entwickeln sie sich zentrifugal und werden mit sich steigernder Offenheit immer größer, raumgreifender. Die nächste Konzeptionsgröße des Arbeitsraums sind direkt umgebende Kontakt- und Kollaborationszonen, von Multispace oder Bürolandschaften bis hin zum Active Based Working, erweitert durch ergänzende Funktionsbereiche im Geschoss. Es folgen Zusatzangebote im Gebäude – über die Einbeziehung des urbanen Umfelds bis hin zur virtuellen Erweiterung über digitale Techniken. Über große Screens und eine VR-Brille kann sogar die ganze Welt zum Büro werden. Wenn das keine bemerkenswerte Evolution ist!

Gleichzeitig wird Praxiswissen immer reflektierter, werden die Planungsprinzipien anspruchsvoller. Allein die zeitgemäße kreative Infragestellung der gleichsam gesetzmäßigen Festlegung „Mitarbeiter gleich fester Arbeitstisch gleich fester Arbeitsort“ ruft nach flexiblen Bürogrundrissen und der digitalen Kommunikationstechnologie, mit der man aus dem Nebengebäude, von Zuhause oder beispielsweise auch aus Fernost integriert werden kann. Hinzu treten die Kompetenzen der flankierenden Institute und Forschenden, und dabei gilt die Sorge der Planer und jener assoziierten Fachleute einem unvergleichbar größeren Portfolio an architektonischen Aspekten als noch vor zwei Generationen. Während die spezifische Optimierung der Effektivität oder auch die Arbeitssicherheit längst zu konventionellen Planungsparametern gehören, reflektieren die Beteiligten heute also vieles mehr: modulierte Lichtzonen und kontrollierte Raumakustik, die mittels Absorbern oder Noise Cancelling-Technologien Konzentration und Leistungssteigerung begünstigen, Unterdrückung von Stressoren oder innenarchitektonische Angebote zu professioneller wie sozialer Kommunikation beziehungsweise Interaktion. Nachgedacht wird auch über eine umweltverträgliche Energiebilanz oder den Einsatz recycelter Materialien. Bestandteil der fortschrittlich konzipierten räumlichen wie zeitlichen Arbeitsorganisation sind dabei Angebote für temporäre Erholungsphasen in kreativen Entspannungszonen, Cafébars und Gyms. Offensichtlich ist längst, dass nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten, sondern auch deren innere Haltung und Ambition für eine optimale Arbeitssituation relevant sind. Hier trägt das Interior Design durch subtile bis hin zu deutlich wahrnehmbaren Einwirkungen auf die Arbeitssituation maßgeblich bei. Kognitions- und Neurowissenschaften aber auch die Raumpsychologie bestätigen dabei die Effektivität selbst kleiner gestalterischer Verbesserungen wie einer angenehmen Taktilität von Oberflächen oder das Greenterior-Prinzip – der atmosphärische und raumklimarelevante Einbezug von Pflanzen. In der Summe muss es die Aufgabe einer kompetenten Interior-Gestaltung für Workspaces sein, ein ganzheitliches Gestaltungskonzept zu entwickeln, und dies ist eine durchaus professionelle, hochkomplexe Herausforderung. Immerhin hat man, wie oben bereits angesprochen, eine große Zahl unterschiedlichster Paramater zu berücksichtigen: die faktischen Bedingungen der architektonischen Hülle, die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Arbeitsprozesse, die Art der Arbeit in Bezug auf Präsenz und Interaktion, der Einbezug von Kundenbereichen oder die Integration von Gemeinschafts- und Freizeitangeboten, Kitas etc. Nicht umsonst spricht man inzwischen von Arbeitswelten.

Aus den vielfältigen anspruchsvollen Einreichungen, die sich in die Kategorien Arbeitswelten für innenarchitektonische Gestaltungen sowie Bürobauten aufteilten, ermittelte man fünfzig Auszeichnungen. Von diesen wiederum erhielten fünf eine Anerkennung, ein Projekt wurde mit dem 1. Preis als „Best Workspace“ prämiert. Die Liste der Kriterien für die Workspace-Interiors lautete dabei Flexibilität. Kollaboration, Kommunikation, Konzentration und Wohlbefinden. Bei Hochbauprojekten des Typs Bürobau in gewerblicher oder Mischnutzung wurden beurteilt: Innovationsfaktor, Zeitgemäßheit, Gestaltung und Dialog mit dem Umfeld. Zudem konnten zwölf sehr unterschiedliche Workspace-Produkte eine Anerkennung ergattern. Wer sich nun in die hier vorgelegte Dokumentation des Architektur-Awards vertieft, der findet nicht nur jedes einzelne ausgezeichnete oder prämierte Projekt beziehungsweise Produkt ausführlich vorgestellt. Gleichzeitig liegt damit auch ein ästhetisch engagiertes und konzeptionell spannendes Portfolio aktueller Arbeitswelten vor, clever kombiniert mit wertvollen Hinweisen auf gestaltende Büros und einschlägige Hersteller, wobei sich hier und dort ebenjene oben aufgezählten Kernaspekte der neuen Bürokultur gut nachvollziehbar illustrieren. Instruktiv sind ebenso die den Projekten jeweils beigefügten Interviews. In ihnen äußern sich die Architektinnen und Architekten sowie die Beteiligten auf Auftraggeberseite zu Funktionalität, Materialwahl und ihrer Haltung in Bezug auf Atmosphäre und räumlich-wohnliche Qualität.

Zuletzt nicht vergessen werden sollten aber auch die hier involvierten Bauherrschaften – Unternehmen und Entscheider –, ohne deren Engagement eine angemessene und zukunftsfähige Arbeitskultur auf Basis von Gebäude, Raum und Ausstattung undenkbar wäre. Man ist sensibel für Problemstellungen der Zukunft und möchte sinnvoll transformieren. Deshalb wachsen die Diskursbereitschaft und Inspiration der Arbeitgeber wie auch der Gestalter spürbar – zweifellos eine gute Entwicklung. Und sie ist vorbildhaft, denn immerhin geht es letztlich bei den Best Workspaces um uns, den Menschen.