Oliv Architekten

13. Immobilienforum München - Schöne neue Bürowelt nach Corona

Aktuelle Entwicklungen in der Immobilienbranche wurden beim diesjährigen 13. Immobilienforum München beleuchtet. Igor Brncic hält die Key Note zum Thema Bürowelten im Umbruch: Die schöne neue Bürowelt nach Corona? Gemeinsam mit Dr. Jens Laub / Optima-Aegidius-Firmengruppe, Peter Biglmaier / Colliers und Harald Ziller / Avison Young wurde in der folgenden Podiumsdiskussion Corona, Homeoffice und der Impact auf die Büro-Nachfrage besprochen.

„Wir sind mittels der Architektur in Lage Antworten auf viele Fragen zu geben und übernehmen Verantwortung für eine nachhaltige Lebensgrundlage. Die Architektur bildet den Raum, in dem die schönen neuen Bürowelten mit Inhalten gefüllt werden und den Rahmen, in dem die Gesellschaft den öffentlichen Raum bespielt. Architektur und Immobilienmarkt werden sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern,“ so Igor Brncic, Architekt und Gesellschafter bei Oliv Architekten

Die schöne neue Bürowelt nach Corona

Wie die schönen neuen Bürowelten nach Corona aussehen, können wir nicht voraussagen. Architektur schafft die Grundlagen, dass die neuen Bürowelten entstehen können. Es geht um Räume, nie um Flächen.

Die Pandemie hat unsere Abläufe durcheinandergebracht und schon vorhandene Störungen in der Gesellschaft zutage gebracht und verstärkt. Wir mussten uns neu organisieren um unser gesellschaftliches Leben so gut es ging, aufrecht zu erhalten. Wir haben uns neu positioniert durch Anpassung und durch die Anwendung neuer Technologien. Wir haben alles neu gedacht, um unsere Produktivität beizubehalten und um den Wirtschaftskreislauf aufrechtzuerhalten. Wir Architekten haben uns umgehend der Aufgabe gestellt, wie neue Arbeitswelten aussehen, die diese Veränderungen aufnehmen können. Das umzusetzen war zunächst keine leichte Aufgabe. Denn jedes Unternehmen, für das neue Konzepte entwickelt werden mussten, funktionierte anders. Entwicklungen hängen von der individuellen Unternehmenskultur ab, dem individuellen Bedarf an Kommunikation und von den Produkten, die es herstellt. Das Arbeitsumfeld funktionierte vor der Pandemie so: Das Unternehmen formulierte die eigenen Ansprüche und richtete sie an den Beschäftigten. So entstanden die uns bekannten Raumkonzepte: Einzelbüros, Großraumbüros, Homeoffice für alle, Homeoffice in Wechselmodellen… Heute hat sich diese Entwicklung maßgeblich verändert. Nicht mehr das Unternehmen definiert diese Rahmenbedingungen. Das Individuum formuliert seine Bedürfnisse nun selbst und richtet sie in Form von Ansprüchen an die Unternehmen. Die Unternehmen haben das erkannt und passen sich längst daran an.
Mit der Entfaltung der Pandemie hat sich eine Entwicklung abgezeichnet, die nicht darauf abzielt, wie man sich neu organisiert oder produktiv bleibt, sondern wie man als Gemeinschaft besteht. Der Einzelne und die Summe der Einzelnen sind sich ihrer Bedürfnisse bewusst geworden und definieren sie eigenständig. Wir Architekten haben die Aufgabe Antworten darauf zu geben.

Sicherheit & Halt

Die Gesellschaft hat in der Pandemie viele Unwägbarkeiten durchstehen müssen. Es ist ein verstärkter Wunsch nach Sicherheit und Halt entstanden. Das Bedürfnis nach sozialer Einheit, nach Gruppenschutz hat stark zugenommen. Geborgenheit in der Gruppe hat einen höheren Stellenwert erlangt, ob in der Familie, am Arbeitsplatz, oder übergeordnet im Gefüge des öffentlichen Raums. Die Architektur hat die Aufgabe das Individuum einzubetten, sowohl im urbanen Umfeld, im Stadtraum, als auch im Gebäude selbst. Dazu gehört, die Schaffung von Kommunikationsräumen, Räumen für Begegnung - Schutzräume der sozialen Einheit. Büroflächen und Quadratmeter je Mitarbeiter scheinen aus einer vergangenen Zeit zu sein.

Gesundheit & Nachhaltigkeit

In den zwei Jahren fortwährender Pandemie hat sich die Achtsamkeit des Einzelnen verstärkt. Der Anspruch auf das eigene Wohlbefinden durch einen gesunden Lebenswandel sowie einem ausgewogenen Verhältnis von Freizeit und Arbeit hat einen noch höheren Stellenwert erhalten.
Corona hat zeitgleich eine weitere Entwicklung beschleunigt: Das Bedürfnis nach ökologischem Handeln und nach Nachhaltigkeit. Klimaneutralität, CO2-footprint sind für jeden gängiges Vokabular und werden jeden Tag gelebt. Raum- und Stadtplanung geben längst Antworten auf diese drängenden Anforderungen. Was früher Resopal-Oberflächen waren, sind heute haptisch natürliche, ökologische Baustoffe - Recycling- und Upcycling sind gängige Technologien. Begrünte Dächer und Fassaden sind längst etabliert und sorgen für ein besseres Stadt- und Mikroklima. Biodiversität, Regenwasserhaltung, Kühlung der Stadt - alles Zutaten zur Verbesserung der Nachhaltigkeit. Das Ziel ist, ein natürliches Umfeld in ein künstliches zu integrieren.

Höherer Zweck & Sinnstiftung

Der Wunsch nach einem höheren Zweck und nach Sinnstiftung hat sich in der Generation der Millennials manifestiert. Die Karriere, das Auto und das Jahresgehalt sind nachgeordnete Ziele geworden. Unternehmen ihrerseits waren ausschließlich daran interessiert, wie sie die Effizienz und Produktivität ihres Vorhabens steigern können. Hier findet ein konsequentes Umdenken statt. Inhalte, Identifikation und freie Entfaltung sind die Megatrends. Heute wollen wir keine Arbeit mehr erbringen, wir wollen an Aufgaben mitwirken. Auch hier muss die Architektur diesem Anspruch Raum geben, Raum zur Entfaltung und Raum zur Identifikation. Dabei geht es nicht mehr darum, wie er eingerichtet ist. Der Raum bedient und spiegelt die Ansprüche des Einzelnen und der Gesellschaft wider. Als Metapher fungiert der gotische Dom. Er gibt der Entfaltung des Inhaltes Raum!

Mobilität & Beweglichkeit

Unternehmen haben in den beiden vorangegangenen Jahren dem Einzelnen viel Eigenverantwortlichkeit zugestanden. Es gibt keine Kontrollen der Arbeitszeiten mehr somit keine statischen Mechanismen. Stattdessen gibt es ein Umdenken, eine neue Beweglichkeit. Heute arbeiten wir zwei Tage im Büro, morgen zwei Tage im Homeoffice, übermorgen mobiles Arbeiten an jedem anderen Ort der Welt. Die örtliche Mobilität ist eng mit dem Thema Arbeit verknüpft, eine echte Verkehrswende ist in Sicht. Der Individualverkehr und der öffentliche Verkehr verändern sich rasant. Neue Fortbewegungsformen nehmen zu, welche nicht mehr an den Besitz eines eigenen PKW geknüpft sind. E-Mobilität und Sharingangebote prägen inzwischen das Stadtbild. Mobilität heißt Veränderung, diese Veränderung denken wir jeden Tag in der Architektur mit.

ESG / Umwelt & Soziales & Führung

Die Entwicklung und Ansprüche des Einzelnen spiegeln sich in der Politik wider. Die Gesellschaft, somit der Gesetzgeber hat erkannt, dass den Zielen Sicherheit, Gesundheit, Sinnstiftung und Umweltschutz ein weitergehender Rahmen zugrunde liegen muss. Die EU-Regulierung der Kapitalströme nach ESG-Kriterien trägt dem Rechnung. Unternehmen müssen nun mehr denn je nachhaltig Denken und Handeln. Der Beschäftigte will nicht nur in einem nachhaltigen Gebäude arbeiten. Er fordert, dass sein Unternehmen Verantwortung für die Öffentlichkeit und Zukunft übernimmt und dies auch in der Architektur zum Ausdruck bringt, innen wie außen!

Wir sind mittels der Architektur in der Lage Antworten auf diese drängenden Fragen zu geben. Die Architektur bildet nur den Raum, aus dem die Nutzer die schöne, neue Bürowelt mit Inhalten füllen. Welchen Einfluss dies auf Architektur und Immobilienmarkt haben wird, wird sich in nächster Zukunft zeigen.